Limitierungen sind der Beginn von Freiheit

Ich drohte es mal an, dieses Thema: Warum sind Limitierungen reizvoll?

Ich habe da seit Jahren so eine Idee von Freiheit, die mit Limitierungen allgemeiner Art zu tun hat. In gewisser Form bestimmt sie auch meine Arbeit in der Berufsschule.

Grenzen sind der Anfang der Freiheit.

Wenn ich den Satz auf die Menschheit loslasse, ernte ich zunächst eine abwinkende Handbewegung, ein Kopfschütteln, also irgendwie eine ablehndende, verneinende Geste oder Äußerung. (Aber das legt sich sehr schnell.)

Klar. Wer träumt nicht davon, völlig unbeeinflusst und grenzenlos durch den Zustand, den wir Leben nennen, zu floaten. Ich erinnere mich, Reinhard Friedrich Michael Mey dereinst singen gehört zu haben:

Über den Wolken / muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…

Dass sie es auch dort nicht ist, wissen wir inzwischen. (Falls nicht, frage man beim Luftfahrtbundesamt oder der Flugaufsicht nach.)

Regeln limitieren. Regeln haben einen Sinn. Nur, wer mit den Regeln vertraut ist, kann sie brechen. Und genau da beginnt die Freiheit.

Ohne Regeln, ohne Limits keine Freiheit. Eine Regel zubrechen bedeutet, einen Schritt über die Grenzlinie hinaus zu machen — und dieses ganz bewusst zu tun. Das gilt quasi überall, und nahezu überall macht eine Überschreitung der Regeln und Limitierungen auch Sinn, dann und wann. (Wenn man denn bereit ist, mit den möglichen Konsequenzen zu leben.)

Wie denken an die Regel des Goldenen Schnitts, entstanden aus den Sehgewohnheiten des Menschen. Schon seit Jahrhunderten wird der Goldene Schnitt auch in der  Malerei angewandt, aber es gibt immer wieder gelungenne Beispiele, in denen ganz bewusst damit gebrochen wird.

Nicht jede Regel ist sinnig, und viele gehören auf den Prüfstand, ob sie noch zeitgemäß sind — oder ob  sie überhaupt jemals eine Daseinsberechtigung hatten. Aber im Prinzip sind Regeln und Limitierungen nützlich.

Limitierte Bildanzeigefläche

596 mal 125 Pixel gibt die Bildbox im Header dieser Seite her. Da müssen allerlei Überlegungen angestellt werden, bevor da ein Inhalt erscheinen kann. Die limitierte Anzeigefläche stellt die Regeln auf.

  1. Ist das Bild überhaupt und prinzipiell geeignet, um dort verwendet zu werden? Stimmen Format, Motiv und Ausschnitt?
  2. Hat das Bild ein GO bekommen, sind die Überlegungen noch lange nicht vorüber: Welchen Ausschnitt des Bildes  wähle ich? Wo platziere ich das Motiv? Monochrome oder Farbdarstellung? Wie groß präsentiere ich das Motiv?

Das eröffnet teilweise ganz neue Perspektiven, bei denen man eigene Fotos neu entdeckt. Natürlich fallen einige der Lieblingsfotos dieser Selektion zum Opfer, aber dafür erhalten einige Bilder eine Chance, die ansonsten keine gehabt hätten, jemals gezeigt zu werden.
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Ein Beispiel dafür ist “Bleibt radikal“, das ich vor Jahren in der Feldstraße in Hamburg aufgenommen habe. Im oberen und unteren Teil des Originalbildes sind keine relevanten Infos zu finden, aber das Graffiti an sich ist gut. Und so drängte es sich nachgerade auf für die  Box.

Andere Beispiele sind die Marienkäferbilder. Auf den Originalbildern waren die Insekten ridikulös klein abgebildet, man hätte fast ein Suchbild daraus machen können. (Das passiert, wenn der Fotograf seine Nahlinsen zuhause gelassen hat. *DÖSPADDELIG*) Aber hier, im limitierten Feld, kommen sie gut zur Geltung.

Intern wird das Anzeigeformat “Rudis Resterampe” genannt. Eine Art Recyclinghof für hoffnungslose Bilder, die hier eine zweite Chance bekommen — und sie bei entsprechender Planung auch gut zu nutzen wissen.

Und aufgrund dieser etwas anderen Art der Beschäaftigung mit Fotos, aufgrund dieser ungewöhnlichen Überlegungen, liebe ich Limitierungen.

Ich schließe den Eintrag mit dem Bild, das mir persönlich eine völlig neue, fast schon verstörende Perspektive eines meiner Lieblingsbilder meiner Söhne ermöglicht hat. Im Original sind beide Gesichter nahezu vollständig auf dem Foto, der Schärfeverlauf ist so wie auf diesem Bild. Aber als ich vor der Entscheidung stand, welchen Ausschnitt ich wählen sollte, entschied meine Familie, dass von jedem ein Auge zu sehen sein sollte. Also habe ich das Bild etwas gedreht, den Ausschnitt entsprechend festgelegt, und das Ergebnis finde ich selbst immer wieder erstaunlich.
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2 Kommentare zu „Accept limits — Limitierungen können das Leben bereichern“

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