Archiv für 19. Mai 2009

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Aufgenommen in einer kieferorthopädischen Praxis.

leon-44 Leon. An sich ein schöner Name. Aber wenn Sie den immer hören, den lieben langen Tag lang, wird’s langweilig. Wir haben einen Leon in der Nachbarschaft. Und Leon hat einen Bruder, der sich gerade adoleszenzbedingt mit dem Stimmbruch herumschlägt. Leon ist der kleine Bruder, der große ist unbestritten der Chef.

“Leeeeooooon, komm her.” “Hey. Leeeeeoooon, hör auf, du Spacken.” “Leeeeoooon, guck dir das mal an. Leeeeoooon, ohne Scheiß jetzt. Leeeeooooon.”

Ich habe heute am frühen Nachmittag auf dem Balkon gesessen und am Rechner gearbeitet. Leon und sein Bruder haben gerade Ferien, in Hamburg gibt es so etwas wie Maiferien. Ich habe mitgezählt, wollte das eigentlich eine halbe Stunde lang machen, habe jedoch nach 12 Minuten abgebrochen. Nahezu jeder Satz beginnt mit “Leon”, und die meisten hören auch so auf. Leon vor dem Haus, sein Bruder dahinter. (Oder umgekehrt.) Klar, da kann man rufen — muss man aber nicht. Leons Bruder tut es trotzdem. Auch in der Wohnung, bei gekippten Fenstern und offenen Balkontüren, stets mit dem wohligen Klang der stimmbrüchigen Stimme und weithin vernehmbar. Gedanken vernichtend vernehmbar.

In den 12 Minuten konnte ich meiner Liste 44 Striche hinzufügen. Dann hatte ich keine Lust mehr. Leons Bruder hat alle Erwartungen übertroffen. Passt aber in die Nachbarschaft. Die Do – re – mi – fa – sol – la - / Pluto-Nachbarschaft. Aber Sie haben bestimmt auch so eine, oder? Ja, und irgendwie sind wir ja auch Teil dieser Zweckgemeinschaft. Seine Nachbarn kann man sich selten aussuchen. Wer weiß, welche Eigenarten man bei uns entdecken (und bloggen) könnte…

sperm-ovo

Spermien passen irgendwie zu uns Jungs. Sie sind ungeduldig, jeder möchte der Erste sein, und bei diesen Anstrengungen bleiben leider einige auf der Strecke.

Der Massenstart beim Großmarathon ist nichts im Vergleich zu den Massen, die pro Ejakulation in die Weltgeschichte gelangen. In der glänzend-milchig-trüben Flüssigkeit machen sich bis zu 900 Millionen Spermien gleichzeitig auf den langen Weg durchs Vaginalgewölbe in den Uterus. (Gebärmutter ist ein selten dämliches Wort, finde ich.) Sollten Sie mal auf die Idee kommen, irgendwo frisches Ejakulat zu bestellen, sollten Sie sich nicht über die geringe Menge beschweren: Für einen “Kurzen” reicht es nicht, maximal 6 ml haben wir zu bieten. (Aber wer kommt auch schon auf die Idee, so was zu bestellen.)

Kaum sind die Samen frei, benutzen sie ihren Schwanz, um loszuzotteln. Die Energie dafür ziehen sie aus den Kraftwerken im mittleren Teil hinter dem Kopf. Im flüssigen Zustand, also im Samenplasma, leben die Teilchen bis zu 12 Stunden (das führt mich zu einer ausdrücklichen Warnung vor Techniken wie Coitus interruptus oder Fellatio, wenn man die Gefahr einer Schwangerschaft elegant umgehen möchte!), aber viel Zeit ist nicht zu verschwenden. Nach dem Startschuss beginnt sogleich die Operation “Kastanienblüte sucht Maiglöckchen”.

Vielleicht liegt es am Namen der Operation, dass Schwangerschaften viel seltener sind, als man gemeinhin so denkt: Durch Aromen in der Nahrung sollen sich Geruch und Geschmack des Ejakulats, normalerweise zwischen Kastanienblüten und Moschus angesiedelt, teils erheblich verändern: Man sagt dies Spargel und Pilzgerichten nach, Kaffee und Alkohol auch, Marihuana und Tabak sowieso. Vegetarier-Ejakulat soll süßer sein als das von Fleischfressern. Es fehlt mithin an wissenschaftlichen Beweisen, aber die praktizierenden Feldforscherinnen (und Feldforscher) schwören darauf.

Wie dem auch sei: Es wird ein gnadenloser Wettbewerb losgetreten. Gemessen an seiner Winzigkeit — 0,06mm — legt so ein Spermium eine Strecke zurück, die in unseren Maßstäben 25 Kilometer entspräche. Na, wenn das keine Leidenschaft ist! Nur während des empfänglichen Zeitfensters, wenn auch die Uterusschleimhaut bereit ist, ein befruchtetes Ei aufzunehmen, herrschen auf der Strecke spermienfreundliche Verhältnnisse. Das Hormon Östrogen sorgt neben dem Aufbau der Schleimhaut auch für eine Verflüssigung des ansonsten zähen Schleims am Gebärmutterhals, der Cervix, sowie für ein sprungbereites Ei. Im Eierstock, dem Ovar, kann es nicht befruchtet werden — es muss mutig in den Eileiter springen. (Und manchmal springt es auch daneben.)

Die Spermien, die beweglich und fit genug sind, die Strecke zurückzulegen, orientieren sich nun am Geruch des Eis: Verführische Maiglöckchendüfte! The winner takes it all! Ein Kopf dockt an das Ei an, der Schwanz wird abgeworfen, und im Inneren der Eizelle vereinigen sich die 23 Chromosomen von Papi mit jenen von Mami. Wer zu spät kommt, den bestraft das Nicht-Leben; die übrigen Samenzellen haben keine Chance mehr, die Eizelle macht dicht. Die nun mit vollem Chromosomensatz ausgestattete Zelle furcht und teilt sich munter, und das Abenteuer Leben kann beginnen. (Dafür muss sie sich allerdings in der Uterusschleimhaut festsetzen, die Zellen müssen sich differenzieren… dabei kann dann noch allerhand schieflaufen.) Aber das Siegerspermium hat zumindest die Chance, mit Mamis Ei etwas Großes, Neues entstehen zu lassen.

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