Artikel-Schlagworte: „Deerns un Jungs“
Sie haben es getan: Simone hat JA gesagt, Ralf auch. Der tiefste Osten hat sich im Schloss Bergedorf mit dem tiefsten Westen durch den Bund der Ehe vereinigt. Meine Frau und ich haben es bezeugt. Die Amtsfrau belehrte dann noch kurz die Eheleute, dass sie mit ihrem JA einen rechtsgültigen Vertrag eingehen, sah dann jedoch von weiteren Ausführungen ab, als sie des Berufes der Braut gewahr wurde — Simone ist Links Rechtsanwältin. Beim Verlesen der Namen und der Adresse der Trauzeugen blickte sie kurz auf, sah uns an und bemerkte: “Haben Sie was miteinander?” (Damit ist ihr der Titel “Amtsfrau des Jahres” gewiss!)
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Das Fest war rauschend, wir speisten französisch, tranken sächsischen Schnaps und schwätzten, wie die ost-, nord- und westdeutschen Schnäbel gewachsen waren. Hemmnisse gab es nicht, Berührungsängste waren in Echtzeit dahin. Einzig die spätabendliche Partie “Trivial Pursuit” stellte uns nach der dritten Grünen Witwe (einer Mixtur aus Sekt, Orangensaft und Blue Curaçao) zuweilen vor schier unlösbare Aufgaben. (Dass zwischen den Witwen Erfrischendes aus Hopfen, Malz und Wasser gereicht wurde, machte die ganze Sache nicht leichter.)
Damit niemand sagen kann, er hätte in Hamburg nichts erlebt, gab es ein stimmiges Rahmenprogramm. Mit Hafenkraft ging es kräftig durch den Hafen, Schauerleute-Spiele inklusive (und das mit Anzug und Hochzeitskleid). Da musste nicht sich nur die Braut gelegentlich ihres Schuhwerks entledigen.
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Auf einem Binnenschiff ging es die Bille und die Dove Elbe entlang, unterzuckern musste niemand, schließlich wurde ein reichliches Brunch-Buffet offeriert. Die Vier- und Marschlande präsentierten sich von ihrer besten Seite. Wir folgten auf dem Schiff dem Motto “Anne Alster, anne Elbe, anne Bill’ / Doa kann jeden eenen moken, wat he will“. (Nur auf der Dove Elbe mussten wir uns zusammenreißen, die wird schließlich nicht erwähnt.)
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Binnenschiffer müssen ihr Schiff beherrschen, aber nicht unbedingt die deutsche Sprache. (“Ich mach’ Ihnen dann nachher wieder fest!”) Sei’s drum: Diese Hochzeit war wahrlich eine Hoch-Zeit — in jedweder Hinsicht.
Der HSV führt 1:0 gegen Werder Bremen. Ich habe das wunderschöne Tor von Ivica Olic in der 12. Minute gesehen. So viel Gefühl haben manche nicht in dem Organ, aus welchem zuweilen eine Mödergrube gemacht wird.
Womit wir beim Thema wären: Wer nicht im Stadion weilt, obwohl es im Weltmaßstab nicht mal eine Handbreit entfernt ist von unserem Balkon, der hockt halt vorm Bildschirm. Herz, Liebe, Fußball — die wahre Liebe kann der Fußball sein, aber darauf wollte ich garnicht hinaus. (Zumal die wahre Liebe im Zusammenhang mit Fußball anderswo beheimatet ist.)
Das Kontrastprogramm: Die “schönen Mädchen”, wie mein Ältester immer sagt. Johanna hält den Konsum von “Germany’s Next Topmodel” für “Kickboxen vom Sofa aus”, ich halte es für Hirnfraß, der Pseudo-VIPs produziert, die eine Halbwertzeit von gefühlten 6,3 Sekunden haben. Und das Deutsch dort ist auch nicht immer druckreif. Aber meine heißgeliebte Angetraute verbringt gerne mal einen denkbefreiten Abend mit dieser Sendung.
Unser wunderbarer Flachfernseher in der guten Stube hat eine adäquate Größe, sowohl für Fußball- als auch für moderne Gladiatorinnen-Spiele. Wahre Liebe bedeutet, der Frau die 81,28 cm Bildschirmdiagonale zu überlassen und das zunehmend ruppiger werdende Europapokal-Spiel auf 10 Zoll zu schauen. So, liebe Männer-Kollegen, umschifft man(n) Ehehindernisse.
Dass es inzwischen 1:1 steht, ist zwar ärgerlich, aber durchaus berechtigt. Die “Streifensocken” haben etwas mehr vom Spiel.
“Du willst eine erfolgreiche Zukunft? Wenn ein tätowierter Kerl an deinem Drive-in-Schalter vorfährt, gib ihm seinen Burger, nicht deine Telefonnummer.”
[Kindersitterin Zee gibt dem Mädchen Jenny an der Tür einen Ratschlag fürs Leben. Aus dem Motion-Capture-Animationsfilm "Monster House", USA 2006]
Frauen haben ja eine unglaubliche Affinität zu Schuhen. Erreichen ekstatische Zustände. Schuhe scheinen die Endorphinausschüttung erheblich ankurbeln zu können, und das Limbische System schlägt Purzelbäume. Ganze Buslinien mussten schon als überfüllt gemeldet und Sonderbusse eingesetzt, Bürgersteige im Verkehrsfunk als unpassierbar bezeichnet werden, weil sich marodierende Frauengruppen, bis an die Zähne sowie die Grenze dessen, was ein einzelner Mensch zu tragen vermag, mit überdimensionierten Schuhtüten bewaffnet ihren Weg bahnen.
Die Calceuphilie* ist — diese Vermutung liegt nahe — genetisch bedingt. Vermutlich liegt der Lokus dafür auf einem der beiden, das Geschlecht auf “weiblich” setzenden X-Chromosomen. (Ich weiß, wir erblicken zunächst alle nach dem Morula-Stadium als Mädchen das Dunkel des mit Fruchtwasser gefüllten Uterus, bevor in uns Jungs das Y-Chromosom das Regime übernimmt und der Johannes** wächst.)
Im Laufe meines Lebens habe ich neben einigen anderen auch diese Erfahrung gemacht:
Zeige mir deine Schuhe, und ich sage dir, wer du bist.
Ich gestehe, dass Schuhe auch in meinem Leben eine gewisse Rolle spielen. Schuhkauf ist eine der Anschaffungen, die wohl überlegt sein wollen. Das Hemd kann auch mal suboptimal sein, aber Schuhe spielen eine erhebliche Rolle und werden unter normalen Umständen nicht leichtfertig gekauft. Sind quasi ein Spiegel der Seele.
Wie dem auch sei: Der gestrige Tag war in Hamburg ein strahlender: Sonne satt, der HSV hat im Europa-Cup gewonnen, und meine Frau den Konsumklimaindex nach oben geschraubt. Wie so oft fing es sehr harmlos an: “Schatzhasimausipups***, kann ich wohl kurz mal in den Schuhladen huschen und mich ganz kurz umsehen?” Wir alle kennen Mario Barth, der uns das Wörterbuch “Deutsch – Frau / Frau – Deutsch” hinterlassen hat. Ich hatte es nicht dabei, aber die Alarmglocken hätten schrillen müssen. Sie taten es nicht, das innere Notsystem schwieg sich aus, war vielleicht auch angesichts des Wetters in einer Art Trancezustand. Jedenfalls gelang es meiner Frau, mit meiner Zustimmung für gefühlte drei Tage im Bauch eines Hamburger Schuhgeschäftes zu verschwinden. Ich mit meinen derben Prellungen kann derzeit nichts tragen, das erinnerte sie offensichtlich, denn als der Laden sie wieder ausspuckte, hatte sie nur zwei Paar Schuhe gekauft.
Was Männer in der Zwischenzeit machen, wissen Sie ja vermutlich: Es bewegt sich zwischen anfänglichen Zustimmungs- oder Ablehnungsritualen (die allesamt weitgehend ignoriert werden), nervösem Auf- und Abgehen, dumm aus der Wäsche gucken, Zigaretten rauchen und Beine in den Bauch stehen. Im speziellen Fall kam noch Kinderanimation Löwenbändigung hinzu.
Bis heute entzieht es sich meiner Kenntnis, warum Erotikgeschäfte für Frauen (Schuh-, Parfümerie- und Klamottenläden) und für Männer (Baumärkte, Fachgeschäfte für Unterhaltungselektronik, Autohäuser, Fahrradläden) räumlich immer voneinander getrennt sein müssen — und zwar mit größtmöglichem Abstand. Lägen sie direkt beieinander, könnten zahlreiche Beziehungsprobleme schon im Keim erstickt werden. (Vielleicht sollte das mal gesetzlich geregelt werden. Verehrte Legislative, ich sehe hier dringenden Handlungsbedarf!) Männer kaufen halt anders ein als Frauen. Ein Naturgesetz. (Ein weiteres finden Sie übrigens hier.)
Warum, werden Sie sich fragen, warum nur trägt dieser Eintrag den Titel “Atemlos“?
Nun, kaum waren wir wieder zuhause, machte etwas in meiner Frau dicht. Nein, wir hatten keinen Streit, und die Schuhe, die sie unter Aufwendung erheblicher Lebenszeit käuflich erworben hat, finden auch meine Zustimmung. Ohne Einschränkungen. Ob es der Preis der Schuhe war, der ihre Bronchien verengt hat, vermag ich nicht zu sagen, aber sie litt jäh und ganz akut unter Atemnot. Asthmatische Bronchialkonstriktion. Als die KV-Notärztin eintrudelte, lag die Sauerstoffsättigung bei 93% — der Referenzbereich liegt sonst bei 95-98%. Zwei Hübe Sultanol brachten sie ratz fatz wieder ins Lot. Binnen weniger Minuten war das pulmonale Giemen verschwunden, der Allgemeinzustand besserte sich, auch die Gesichtsfarbe sprang wieder auf rosig-gesund um.
Und so fand der Tag ein durchaus versöhnliches Ende.
* Calceuphilie: Neologismus, generiert aus dem lateinischen Wort “Calceus” [Fußbekleidung, Schuh] und dem griechischen “-philie” [Vorliebe, Neigung].
** Johannes: Dem (leider oder Gott sei Dank) unwahren Satz: “Wie die Nase eines Mannes, so sein Johannes” entlehnte Bezeichnung des männlichen Genitals.
*** Nein, so nennt meine Frau mich nicht wirklich, aber über den echt verwendeten “Kose”-Namen möchte ich aus verschiedenen Gründen das Mäntelchen des Schweigens decken.

















