Artikel-Schlagworte: „Lebenswirklichkeit“
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Ich musste gestern arbeiten. Ambulante Pflege. Neben 18 anderen Patientinnen und Patienten versorgte ich eine alte Dame, die in der glücklichen Lage ist, noch einen Partner an ihrer Seite zu haben. Während ich hier wusch, dort Salbe applizierte und in die Augen tropfte, fragte sie mich, ob ich was von der Europawahl gehört hätte. Mein Mobiltelefon hat ein Radio, auf NDR Info lief eine Sondersendung, also hatte ich etwas gehört und berichtete.
Als wir fertig waren und ich dokumentierte, sagte ihr Mann, er habe schon seit langer Zeit kein Interesse mahr an Politk. “Kann passieren”, dachte ich und widmete mich wieder meinen Eintragungen. “Seit 1945″, fügte er hinzu.
Und plötzlich hatte er all meine Aufmerksamkeit. Flakhelfer sei er gewesen, überzeugt und begeistert von der Idee des Systems. In mir regte sich etwas, das Bild vom Ewiggestrigen kristallisierte sich vor meinem inneren Auge.
“Dann kam das Ende, eine Idee brach zusammen, wir waren all unserer Ideale beraubt.”
Und seitdem interessiere er sich eben nicht mehr für Politik. *BAFF ERSTAUNT*
Ich habe ältere Herr- und Damschaften kennengelernt, die der Meinung waren, nicht alles in Nazi-Deutschland sei schlecht gewesen. Ebenso welche, die befanden, das System sei in Ordnung gewesen. Aber alle hatten irgendwie einen Weg gefunden, sich mit der Demokratie, die inzwischen ja schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, zu arrangieren. Aber so ein Fall von nostalgischer Verklärung, von Glauben an und Begeisterung für den Nationalsozialismus, noch dazu so offen geäußert, ist mir persönlich bislang noch nicht untergekommen.
Ich hakte rasch die letzten offenen Felder ab, schützte mit einem Blick auf die Uhr extreme Zeitnot vor und empfahl mich. Draußen holte ich tief Luft. Ich weiß nicht, wie es Ihnen gehen würde, aber mir ist der Gedanke, demnächst dort wieder arbeiten zu müssen, wenig angenehm. Und jener, dass diese Problematik mit dem Wegsterben dieser Generation nicht gelöst ist, noch viel weniger.
Sie haben es getan: Simone hat JA gesagt, Ralf auch. Der tiefste Osten hat sich im Schloss Bergedorf mit dem tiefsten Westen durch den Bund der Ehe vereinigt. Meine Frau und ich haben es bezeugt. Die Amtsfrau belehrte dann noch kurz die Eheleute, dass sie mit ihrem JA einen rechtsgültigen Vertrag eingehen, sah dann jedoch von weiteren Ausführungen ab, als sie des Berufes der Braut gewahr wurde — Simone ist Links Rechtsanwältin. Beim Verlesen der Namen und der Adresse der Trauzeugen blickte sie kurz auf, sah uns an und bemerkte: “Haben Sie was miteinander?” (Damit ist ihr der Titel “Amtsfrau des Jahres” gewiss!)
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Das Fest war rauschend, wir speisten französisch, tranken sächsischen Schnaps und schwätzten, wie die ost-, nord- und westdeutschen Schnäbel gewachsen waren. Hemmnisse gab es nicht, Berührungsängste waren in Echtzeit dahin. Einzig die spätabendliche Partie “Trivial Pursuit” stellte uns nach der dritten Grünen Witwe (einer Mixtur aus Sekt, Orangensaft und Blue Curaçao) zuweilen vor schier unlösbare Aufgaben. (Dass zwischen den Witwen Erfrischendes aus Hopfen, Malz und Wasser gereicht wurde, machte die ganze Sache nicht leichter.)
Damit niemand sagen kann, er hätte in Hamburg nichts erlebt, gab es ein stimmiges Rahmenprogramm. Mit Hafenkraft ging es kräftig durch den Hafen, Schauerleute-Spiele inklusive (und das mit Anzug und Hochzeitskleid). Da musste nicht sich nur die Braut gelegentlich ihres Schuhwerks entledigen.
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Auf einem Binnenschiff ging es die Bille und die Dove Elbe entlang, unterzuckern musste niemand, schließlich wurde ein reichliches Brunch-Buffet offeriert. Die Vier- und Marschlande präsentierten sich von ihrer besten Seite. Wir folgten auf dem Schiff dem Motto “Anne Alster, anne Elbe, anne Bill’ / Doa kann jeden eenen moken, wat he will“. (Nur auf der Dove Elbe mussten wir uns zusammenreißen, die wird schließlich nicht erwähnt.)
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Binnenschiffer müssen ihr Schiff beherrschen, aber nicht unbedingt die deutsche Sprache. (“Ich mach’ Ihnen dann nachher wieder fest!”) Sei’s drum: Diese Hochzeit war wahrlich eine Hoch-Zeit — in jedweder Hinsicht.
Plötzlich kippte die Stimmung heute. Berlin ist eigentlich nicht so weit entfernt von Hamburg — was sind schon 260 Kilometer im Weltmaßstab? Aber nun muss neu gerechnet werden: 13 wollen nicht mehr mit, obwohl die Aufteilung der Lerngruppe auf die Autos schon feststand. Berlin muss ohne uns auskommen, die anatomische Sammlung der Charité auch. Und nun? Eisessen am Baggersee? Ein gruppendynamisches Rumsitzen in Lauenburg?
“Ich mag Euch sehr gerne, aber das hier ist jetzt echt — entschuldigt bitte — ein Kindergarten.”
Sagte die Klassensprecherin. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Höchstens, dass wir nun theoretisch in einen Fiat Cinquecento Platz hätten, würden wir denn nach Berlin fahren. (Sie wissen schon: Mathereform!)
Eine einfache Milchmädchenrechnung, die die Lehrkraft da aufgerissen hat. Eine neue Quadratur des Kreises, mit jovialem Lächeln unter der Hornbrille hervorgestoßen, nein, vielleicht doch eher geseufzt.
25 minus Jenny = 16
Ohne Hintergedanken, ohne jedwede Anspielungen auf voluminöse Expansionen des femininen Körpers, die es ohnehin nicht gibt.
Möglich, dass die abrasierte Haarpracht Fisselansammlung auf dem Kopf einige Hirnzellen gekostet hat. Der Einwurf aber kam aus dem Plenum. Wie kommt man mit einer 25 Mann und Frau starken Lerngruppe nach Berlin? Indem man auf einen Kopf verzichtet und zwei Acht-Sitzer nimmt.
Kurzerhand Adam Riese herangezogen und Pi mal Daumen überschlagen: 25 minus Jenny = 16. So einfach kann höhere Mathematik sein: Wenn 25 Menschen in drei Acht-Sitzer nicht ganz hineinpassen, einer aber nicht mitfahren mag, dann bleiben (Moment, ich rechne gerade mit dem wissenschaftlichen Taschenrechner) genau 24 Menschen übrig, die in zwei motorgetriebenen Vehikeln à acht Plätzen gemütlich nach Berlin fahren können.
Es wurde auch langsam Zeit, die Mathematik-Reform voran zu treiben. Die Lerngruppe hat sich des Problems angenommen und es konsequent zu Ende gedacht. 25 minus Jenny ergibt nicht 24, sondern 16.
Na denn…
Des Lehrers kahlrasierte Platte, erst vor wenigen Stunden von einem Starfriseur (meiner Wenigkeit) nach allen handwerklichen Regeln der Friseurkunst (Schermaschine und Nassrasur) kreiiert und oben noch vom romantisch-diffusen Licht des Notebook-Bildschirms sanft verhüllt, sieht übrigens bei geringfügiger Beleuchtung besehen so aus: 
Die Zeiten ändern sich. Auch Ulf stellte kürzlich fest, dass man “anachronistisch” ist, wenn man mit Handbrühfiltern, Aufziehuhren und Rasiermessern hantiert.

Die Verwendung von Kalendersystemen, Vinylplatten und Kolbenfüllern fällt ebenfalls darunter. Wie oft ich seltsam angesehen werde, wenn ich meinen Filofax auspacke, um Termine abzuklären, kann ich schon nicht mehr zählen. Dabei hat Papier eine sinnliche Komponente, ist unabhängig von Akkuständen und Strom und sehr spontan, gerade bei schnellen Notizen. Schallplatten haben einen warmen Klang, die Wahl eines bestimmten Liedes unterliegt nicht einer Nummer im Display, sondern genauer Kenntnis der Topographie auf der Vinyloberfläche. Und das Schreiben mit einer Feder ist unvergleichlich.
Meine Gitarre ist zwar nicht so alt, aber die Bauart gibt es seit 1950: Eine Fender Telecaster, klassisch und ohne jeden Schnickschnack, mit zwei Single coil-Pickups bestückt und in der Farbvariante “Butterscotch blonde”.
Heute gibt es kaum noch jemanden ohne Mobiltelefon. Hat klare Vorteile, aber sicherlich auch Nachteile. Man merkt, wie sich die Zeiten ändern, gerade bei der fernmündlichen Kommunikation. Jeder zweite Festnetzanruf beginnt mit den Worten: “Bist du zuhause?” (Reflektorisch möchte ich entgegnen: “Ja, wo soll ich denn sonst sein?”)
Als ich jung etwas jünger war, so vor 30 Jahren kürzlich erst, erübrigte sich diese Frage. Wer ans Telefon ging, das über eine Schnur mit der Wandsteckdose befestigt war, ja, wo bitte sollte der denn schon sein? Das erste Telefon, an das ich mich bewusst erinnern kann, war noch aus Bakelit und hatte einen Kawenzmann von Wählscheibe; die war mindestens so groß wie heute die kleinsten Handys. Heutzutage denken wir scheinbar kaum noch nach, wenn wir irgendwo anrufen. “Home zone” und Co. machen es möglich. Man kann überall sein. Außer vielleicht im U-Bahn-Tunnel, denn dort versagen Telefone noch immer ihren Dienst.
Leon. An sich ein schöner Name. Aber wenn Sie den immer hören, den lieben langen Tag lang, wird’s langweilig. Wir haben einen Leon in der Nachbarschaft. Und Leon hat einen Bruder, der sich gerade adoleszenzbedingt mit dem Stimmbruch herumschlägt. Leon ist der kleine Bruder, der große ist unbestritten der Chef.
“Leeeeooooon, komm her.” “Hey. Leeeeeoooon, hör auf, du Spacken.” “Leeeeoooon, guck dir das mal an. Leeeeoooon, ohne Scheiß jetzt. Leeeeooooon.”
Ich habe heute am frühen Nachmittag auf dem Balkon gesessen und am Rechner gearbeitet. Leon und sein Bruder haben gerade Ferien, in Hamburg gibt es so etwas wie Maiferien. Ich habe mitgezählt, wollte das eigentlich eine halbe Stunde lang machen, habe jedoch nach 12 Minuten abgebrochen. Nahezu jeder Satz beginnt mit “Leon”, und die meisten hören auch so auf. Leon vor dem Haus, sein Bruder dahinter. (Oder umgekehrt.) Klar, da kann man rufen — muss man aber nicht. Leons Bruder tut es trotzdem. Auch in der Wohnung, bei gekippten Fenstern und offenen Balkontüren, stets mit dem wohligen Klang der stimmbrüchigen Stimme und weithin vernehmbar. Gedanken vernichtend vernehmbar.
In den 12 Minuten konnte ich meiner Liste 44 Striche hinzufügen. Dann hatte ich keine Lust mehr. Leons Bruder hat alle Erwartungen übertroffen. Passt aber in die Nachbarschaft. Die Do – re – mi – fa – sol – la - / Pluto-Nachbarschaft. Aber Sie haben bestimmt auch so eine, oder? Ja, und irgendwie sind wir ja auch Teil dieser Zweckgemeinschaft. Seine Nachbarn kann man sich selten aussuchen. Wer weiß, welche Eigenarten man bei uns entdecken (und bloggen) könnte…

Spermien passen irgendwie zu uns Jungs. Sie sind ungeduldig, jeder möchte der Erste sein, und bei diesen Anstrengungen bleiben leider einige auf der Strecke.
Der Massenstart beim Großmarathon ist nichts im Vergleich zu den Massen, die pro Ejakulation in die Weltgeschichte gelangen. In der glänzend-milchig-trüben Flüssigkeit machen sich bis zu 900 Millionen Spermien gleichzeitig auf den langen Weg durchs Vaginalgewölbe in den Uterus. (Gebärmutter ist ein selten dämliches Wort, finde ich.) Sollten Sie mal auf die Idee kommen, irgendwo frisches Ejakulat zu bestellen, sollten Sie sich nicht über die geringe Menge beschweren: Für einen “Kurzen” reicht es nicht, maximal 6 ml haben wir zu bieten. (Aber wer kommt auch schon auf die Idee, so was zu bestellen.)
Kaum sind die Samen frei, benutzen sie ihren Schwanz, um loszuzotteln. Die Energie dafür ziehen sie aus den Kraftwerken im mittleren Teil hinter dem Kopf. Im flüssigen Zustand, also im Samenplasma, leben die Teilchen bis zu 12 Stunden (das führt mich zu einer ausdrücklichen Warnung vor Techniken wie Coitus interruptus oder Fellatio, wenn man die Gefahr einer Schwangerschaft elegant umgehen möchte!), aber viel Zeit ist nicht zu verschwenden. Nach dem Startschuss beginnt sogleich die Operation “Kastanienblüte sucht Maiglöckchen”.
Vielleicht liegt es am Namen der Operation, dass Schwangerschaften viel seltener sind, als man gemeinhin so denkt: Durch Aromen in der Nahrung sollen sich Geruch und Geschmack des Ejakulats, normalerweise zwischen Kastanienblüten und Moschus angesiedelt, teils erheblich verändern: Man sagt dies Spargel und Pilzgerichten nach, Kaffee und Alkohol auch, Marihuana und Tabak sowieso. Vegetarier-Ejakulat soll süßer sein als das von Fleischfressern. Es fehlt mithin an wissenschaftlichen Beweisen, aber die praktizierenden Feldforscherinnen (und Feldforscher) schwören darauf.
Wie dem auch sei: Es wird ein gnadenloser Wettbewerb losgetreten. Gemessen an seiner Winzigkeit — 0,06mm — legt so ein Spermium eine Strecke zurück, die in unseren Maßstäben 25 Kilometer entspräche. Na, wenn das keine Leidenschaft ist! Nur während des empfänglichen Zeitfensters, wenn auch die Uterusschleimhaut bereit ist, ein befruchtetes Ei aufzunehmen, herrschen auf der Strecke spermienfreundliche Verhältnnisse. Das Hormon Östrogen sorgt neben dem Aufbau der Schleimhaut auch für eine Verflüssigung des ansonsten zähen Schleims am Gebärmutterhals, der Cervix, sowie für ein sprungbereites Ei. Im Eierstock, dem Ovar, kann es nicht befruchtet werden — es muss mutig in den Eileiter springen. (Und manchmal springt es auch daneben.)
Die Spermien, die beweglich und fit genug sind, die Strecke zurückzulegen, orientieren sich nun am Geruch des Eis: Verführische Maiglöckchendüfte! The winner takes it all! Ein Kopf dockt an das Ei an, der Schwanz wird abgeworfen, und im Inneren der Eizelle vereinigen sich die 23 Chromosomen von Papi mit jenen von Mami. Wer zu spät kommt, den bestraft das Nicht-Leben; die übrigen Samenzellen haben keine Chance mehr, die Eizelle macht dicht. Die nun mit vollem Chromosomensatz ausgestattete Zelle furcht und teilt sich munter, und das Abenteuer Leben kann beginnen. (Dafür muss sie sich allerdings in der Uterusschleimhaut festsetzen, die Zellen müssen sich differenzieren… dabei kann dann noch allerhand schieflaufen.) Aber das Siegerspermium hat zumindest die Chance, mit Mamis Ei etwas Großes, Neues entstehen zu lassen.
















