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Als Kinder- und Jugendbuch wird “Meg Finn und die Liste der vier Wünsche” gehandelt — ich habe beide Lebensabschnitte weit hinter mir gelassen, aber, wie schon Erich Kästner einst sagte: “Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.” Und ich schleppe meine Kindheit mit wie einen alten Hut, von dem man nicht lassen möchte. Und das ist gut so!
Ganz abgesehen davon ist dieser Roman einer der lesenswertesten der letzten Jahre. Eoin Colfer, ehemaliger Grundschullehrer aus dem irischen Wexford, Autor der “Artemis Fowl”-Reihe, hat ein grandioses Stück Literatur unter die Menschheit gestreut. Einen klugen, scharfsinnigen und witzigen Roman. Obschon Meg Finn gleich im ersten Kapitel des Buches das Zeitliche segnet, wobei aufgrund der Tatsache, dass sie von einem explodierenden Gastank getötet wird, “gesegnet” vielleicht nicht ganz das passende Wort ist, ist das Buch per se kein Roman über den Tod, sondern auch und gerade über das Leben. (Der Tod ist als finaler Abschnitt des Lebens ein ganz entscheidender und nicht wegzudiskutierender Teil desselben.)
Tragisch, dass Meg erst 14 Jahre alt ist. Ihr Partner bei den Aktionen ihres ziemlich verkorksten Lebens ist Belch, älter als sie (“[...] ich bin sechzehn, und damit voll für meine Taten verantwortlich.”) und Besitzer eines Pitbulls namens Raptor. Während bei Meg zeimlich früh klar wird, dass unter der harten Schale ein guter Kern steckt, ist Belch grob, das exakte Gegenteil von feinfühlig — und ein klarer Kandidat für die Hölle. Den Weg dorthin kann er schneller beschreiten als gedacht.
Und dann kam der Riesenfehler. Der eine, der all die anderen Fehler dieser Nacht des Stümperns geradzu lächerlich erscheien ließ. Es war der letzte Fehler, den Belch je machen sollte.
Was kann schlimmer sein, als bei einem Rentner einzubrechen, der eine Waffe hat? Diese Waffe an sich zu nehmen, den alten Herrn mit Hundebisswunde blutend seinem Schicksal zu überlassen — und auf seine Partnerin Meg zu schießen, direkt vor einem rostigen Gastank, welcher, von einer der Schrotkugeln getroffen, nichts besseres zu tun hat, als zu explodieren.
Die ersten Momente als Geist sind ziemlich verwirrend. Der Verstand denkt, alles sei so wie immer, und versucht, die Gesetze der Physik auf die Geisterwelt anzuwenden.
Belch muss allerdings auch mit 16 sein Leben lassen und wandert als Pitbull-Belch-Melange mit Meg durch den langen Sortiertunnel.
Da, wo’s zur Hölle geht, biegt die eigentümliche Kreatur ab, aber bei Meg ist die Sache nicht so klar: Sie steht auf der Kippe — und knallt erstmal vor eine Wand. (“Zwar hatte Geschwindigkeit in der spirituellen Welt keine Bedeutung, weil die Regeln der Kinetik nicht galten, aber weh tat es trotzdem.”)
“Vierzehnjährige starben nicht; sie machten eine schwierige Phase durch”, aber an der Tatsache, tot zu sein, kommt sie nicht vorbei. Lieber in den Himmel, denkt sie, malt sich aus, wie sie Petrus ihre schlimme Kindheit mit Franco, dem unsympathischsten und bösartigsten Ex-Partner einer verstorbenen Mutter, den man sich nur vorstellen kann, glaubhaft darlegen und so Zutritt zum Himmel erlangen könnte — aber die Pläne der Post mortem-Seelen-Verwertungs-Sozietät sind irgendwie anders.
Lichter geben an, wie es um den Deliquenten steht; Meg erstrahlt in beiden Farben. Sie hat zu viel auf dem Kerbholz, um wirklich gut zu sein, ist aber gleichzeitig zu gut, um wirklich böse zu sein. Gemeinhin denkt man, Himmel und Hölle stünden einander wie verfeindete Bastionen unversöhnlich gegenüber, bei Eoin Colfer jedoch kommunizieren beide Etagen mit modernsten Mitteln. Als wären sie zwei Abteilungen desselben Clubs, aber irgendwie ist es ja auch so. Die hierarchischen Probleme, die Intrigen und gekränkten Eitelkeiten sind ohnehin sehr vertraut — Himmel und Hölle als Abbild des normalen Lebens.
Um hier mal die Abkürzung zu nehmen: Petrus, der unter seiner Tischplatte einen Vorhöllenknopf hat, mit seinem Job als Türsteher hadert (“Wieso musste er, der angeblich so einflussreich und wichtig war, die ganze Zeit vor den Toren sitzen, während alle anderen die Annehmlichkeiten des Himmels genossen?”) und Judas vor dem Fegefeuer bewahrt hatte, und Beelzebub, der kaum etwas mehr hasst, als Bub genannt zu werden, mit dem Dreizack gerne Seelen verdampft, von seltsamen Gestalten wie Myishi, dem Computergenie, umgeben ist und seinem Gameboy-spielenden Chef, Satan AKA Luzifer, die Seele von Meg frei Haus liefern soll, beschließen, Meg Finn wegen des Punktegleichstandes zurück zur Erde zu schicken, wo sie sich bewähren — oder eben versagen — soll. Die obere Etage möchte ihre Seele, die untere aber auch. Und Bub, seines Zeichens Dämon, beschließt, die Hunde-Mensch-Mixtur hinterzuschicken, damit das Ergebnis entsprechend ausfällt.
Wem soll Meg helfen? Ausgerechnet Lowrie, dem Rentner, den zu überfallen die letzte Tat ihres Lebens war. Lowries Bein ist noch immer von den Folgen des Bisses gezeichnet, aber er hat eine Liste mit vier Wünschen, die er vor seinem eigenen Tod noch abarbeiten möchte. Die Wünsche sind so ungewöhnlich wie der alte Mann, werden aber noch getoppt vom vermutlich ungewöhnlichsten Gespann seit Steve Martin und John Candy in “Planes, Trains and Automobiles”. Das Buch wird zum Roadmoviebook, ein Fernsehstudio, das Croke Park Stadium in Dublin und die Klippen von Moher sind unter anderem Orte des Geschehens. Es wird geküsst, Fußball gespielt und gespuckt, all das auf höchst amüsantem und literarischem Niveau.
Wie der Rentner und der Geist miteinander klar kommen, welche weltbewegenden Erkenntnisse sich ergebeben und wie die Geschichte ausgeht (“Petrus strich sich ein paarmal über den Bart. Das war schlimmer, als auf die Lottozahlen zu warten.”), das müssen Sie schon selber lesen. Eoin Colfers Roman ist die ideale Sommerlektüre. Und Frühlingslektüre. Meinetwegen lesen Sie es doch im Herbst oder Winter — Hauptsache, Sie führen sich dieses Kleinode zu Gemüte.
Nachsatz: Ich warne davor, “Meg Finn und die Liste der vier Wünsche” in der Öffentlichkeit zu lesen. Es kann befremdlich auf andere Menschen wirken, wenn man in einer rappelvollen U-Bahn sitzt und unversehens laut auflacht — und angesichts der Nachhaltigkeit des Geschriebenen das Grinsen auch nicht mehr aus dem Gesicht bekommt.
Wie bitte? Ob ich vom Verlag Geld bekommen habe, um das Buch hier so über den grünen Klee zu loben? Wäre mal eine Idee, den Verlag anzuschreiben und genau das vorzuschlagen, aber nein, ich mache das rein aus persönlichen Gründen.
Nihil agere delectat. [Nichtstun macht Freude.]
[Marcus Tullius Cicero, römischer Politiker, Jurist und Autor, 106-43 v.Chr.]
Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andre Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte.
[A.A. Milne: Pu der Bär. (In der genialen Übersetzung von Harry Rowohlt.) Verlag: dtv junior.]
“Der PELIKAN steht wie gelähmt,
nie hat ihn jemand swo beschämt,
wie jener feiste Kolibri,
der ihn des Pubertierens zieh.”
Robert Gernhardt. Aus: Animalerotica.
War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum — noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.
[Joachim Ringelnatz: Bumerang]















