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Berlin steht vor einer richtungsweisenden Wahl: Bisher gibt es Ethik als Pflichtfach (Chapeaux dafür!), daneben Religion als freiwillig wählbares Angebot. Eine Initiative “Pro Reli” möchte das ändern; geht es nach ihr, soll zukünftig Ethik oder Religion auf dem Stundenplan stehen.
Herrschaftszeiten, kaum hat ein Bundesland mal etwas eingeführt, das Sinn ergibt*, da wird schon wieder daran gerüttelt. Ich kaue das jetzt hier nicht alles wider, sondern verweise auf den mit zahlreichen Quellen versehenen Artikel von Achter. Dort hat sich auch eine rege Diskussion im Kommentarbereich ergeben, an der ich nicht gänzlich unbeteiligt war. “Wir sind alle keine Berliner“, aber das Interesse an so einer Entscheidung ist offenkundig länderübergreifend.
Was aber ist eigentlich Ethik?
Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen: „das sittliche (Verständnis)“, „gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart“ [Quelle: Wiki].
Ethik gehört zum philosophischen Bereich. Hauptsächlich geht es um Moral. Aber nein, wenn ein Fußball-Lehrer mal wieder betont, die Mannschaft habe Moral gezeigt, dann muss sie nicht gleichzeitig ehtisch einwandfrei daher kommen. Und doch gibt es eine Parallele zum Fußball: Ethik findet auf dem Platz statt: Die praktische Umsetzung von Philosophie in Form von Rechts-, Staats-, Sozialphilosophie — wie handeln wir? Welche Konsequenzen hat unser Tun? (Die Theoretiker der klassischen Philosophie hingegen befassen sich mit der Meta-Ebene, also der Ebene dahinter, quasi eine Art Blick hinter die Kulissen: Erkenntnis, Logik, Metaphysik.)
Vor einigen Jahren war ich an einer Studie der Universität Hamburg, Fachbereich Gesundheit, beteiligt. Nach der empirischen Datenerhebung und der Auswertung wurde unsere Gruppe nach Berlin eingeladen (“Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin” — nein, diese Parallelen!), um der Enquête**-Kommission “Ethik und Recht der modernen Medizin” des Deutschen Bundestages unsere Ergebnisse zu präsentieren und Rede und Antwort zu stehen. Warum das hier Erwähnung findet, mögen Sie sich vielleicht fragen. Nun, wie man dem Namen der Kommission schon entnehmen kann, liegen rechtliche und ethische Fragen nahe beieinander. Idealerweise ist der Beschluss eines Gesetzes ohne Berücksichtigung ethischer Grundlagen nicht möglich. Das Parlament als Legislative muss sich demnach auch mit solchen Fragestellungen herumschlagen befassen.
Ethik stellt menschliches Handeln auf den Prüfstand, untersucht, inwiefern Traditionen, Gebräuche und Sitten einer normativen Beurteilung standhalten, und wie die Erkenntnisse, die gewonnen wurden, praktisch (also auf dem Platz) umgesetzt werden können. Vernunftgeleitet soll ein auf Werte und Normen*** gegründetes Miteinander in einer Gesellschaft ermöglicht werden. Was ist gut, was schlecht? Welche Folgen hat das, was ich tue? So etwas setzt Reflexion des Handelns voraus. Somit verwundert es nicht, dass es neben Individual-, Friedens- und Sozialethik auch eine Umweltethik gibt. (George W. Bush hätte das mit einem jovilalen “No way, you are wastin’ my time” als hanebüchenen Unsinn abgetan; mich würde ernsthaft überraschen, wenn er das Wort “ethics” überhaupt kennen würde — ich erinnere nur an Waterboarding, Guantanamo und den Versuch, in den Nationalparks Alaskas nach Öl boren zu wollen.)
Ethik ist jedoch keine eierlegende Wollmilchsau. Sie kann Denkanstöße geben, die Basis für weitere Überlegungen schaffen, Hilfestellungen für komplexe Zusammenhänge und Prinzipien anbieten — die Umsetzung aber muss im konkreten Einzelfall stattfinden. (Die Fachfrau spricht auch von deduktiver Herangehensweise.) Allerdings kann im Ethikunterricht auch der induktive Weg eingeschlagen werden: Von einem konkreten Problem ausgehend, kann versucht werden, daraus allgemeine Verhaltensvorschläge abzuleiten. (Das birgt allerdings mögliche Fehlerquellen in sich, aber das steht auf einem anderen Blatt.)
Je besser jemand vorbereitet und geschult ist, desto besser ist das Urteilsvermögen, wenn es gilt, allgemeine (ethische) Prinzipien auf wechselnde, neue Situationen anzuwenden und zu einer Handlungsmöglichkeit zu kommen. Um entsprechend reagieren zu können, müssen sowohl das Urteilsvermögen als auch der allgemeine ethische Hintergrund geschult werden.
Das alles ist erreichbar, ohne die einzelnen Konfessionen zu berücksichtigen. Muslime und Juden, Christen und Atheisten können gleichermaßen von Ethik profitieren. Also doch eine Art eierlegende Wollmilchsau, diese Ethik? Zumindest eher als die Religion. Nicht alles, was in den heiligen Schriften steht, muss zwangsläufig via Vernunft und Reflexion nachvollziehbar sein. Schließlich lassen sich im Namen der Religionen ganz vorzüglich Kriege führen. Ethisch betrachtet, ist Krieg weniger als die Ultima ratio. Interessenkonflikte auf andere Art zu lösen, ist in jedem Fall der bessere, weil vernünftigere und mit weniger Kollateralschäden behaftete Weg.
Aber, liebe Berliner, entscheidet doch so, wie Ihr das für richtig erachtet. Irgendwie baue ich aber auf den multikulturellen Schmelztiegel Berlin. Denkt humanistisch, dann wird das schon werden. Und, um noch mal auf den Fußball zurückzukommen: Die Hertha hat heute die Negativserie beendet und Werder Bremen mit 2:1 besiegt. Wenn es dann am Ende auch 2:1 für die Ethik steht…
Ich weiß, ich bin kein Berliner. (Obschon ich mehrfach in Versuchung stand, einer zu werden, hat Hamburg immer wieder gepunktet in den entscheidenden Augenblicken.)
Ach, eines noch: Eigentlich könnten wir den Ethikunterricht gleich ganz schließen. Jeder Schüler bekommt im Gegenzug ein Blatt in die Hand, auf welchem der Kategorische Imperativ Immanuel Kants geschrieben steht:
“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
Danke, das war’s, das Fach Ethik ist hiermit geschlossen. Die wichtigste Leitlinie habt Ihr jetzt. Viel Erfolg bei der Bewältigung komplexer Probleme! And now for something completely different: Religion. Hat jemand Fragen?
“Warum lässt Gott Kriege zu?”
“Warum wird der Gebrauch von Kondomen als Schutz vor Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften von der katholischen Kirche kategorisch abgelehnt?”
“Wenn Gott die Liebe ist, warum gab es dann die Spanische Inquisition?”
“Wenn Gott die Liebe ist, warum straft er dann ständig die Ungläubigen?”
“In den Zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten. Warum gab es dann die gewaltsame Christianisierung in Südamerika? Warum die Kreuzzüge?”
Was denken Sie? Haben wir damals im Religionsunterricht jemals vernünftige Antworten auf solche Fragen erhalten, geschweige denn darüber ernsthaft diskutiert?
Und abschließend: Fast jede religiöse Gruppierung hat einen Missionierungsdrang. In den Heiligen Schriften, wie auch immer sie heißen mögen, wird das entsprechend erwähnt und verlangt. (Ich habe da mal vor langer Zeit in den Kommentaren eines Forums gelesen: “Bei den Christen werden sogar Missionare in die Welt geschickt. Jeder will sich nu mal “vergrößern”.” Und weiter: “Es ist wie bei Otto Versand bring einen neuen Kunden und du bekommst das Handtuch.”)
Religionen erheben universelle und absolute Ansprüche. Ein Nebeneinander erscheint so de facto nicht möglich. Ethik aber ist so etwas wie der gemeinsame Pfeiler für ein Miteinander. Das schaffen Konfessionen nicht. Da kommt es eher zur Ausprägung von Parallelgesellschaften. Achter hat eine Quelle aufgetan, aus der ich an dieser Stelle gerne zitiere, weil man es besser (als Schlusswort) nicht formulieren kann:
Wenn es der Gesellschaft nicht gelingt, ein Fundament gemeinsamer Werte zu legen, ist ein tolerantes Zusammenleben bedroht.
* In fact, it doesn’t make any sense at all, that in German “etwas Sinn macht”. Etwas hat einen Sinn, oder meinethalben ergibt es einen, aber es macht keinen Sinn, dass etwas Sinn macht. Macht Sinn, oder?
** Enquête: Unschwer zu erkennen aus dem Französischen: Untersuchung. Überfraktionelle (einfach ausgedrückt: überparteiliche) Untersuchungs-Arbeitsgruppe, die einen Konsens für langfristige Problem- und Fragestellungen zu erarbeiten versucht, welcher für einen möglichst großen Anteil der Bevölkerung tragbar ist.
*** Früher, als ich noch jung und unverdorben und voller Hoffnung und Menschenliebe war, hieß das Unterrichtsfach “Werte und Normen”. Die Inhalte waren ähnlich, ethisch-moralisch und philosophisch und so, aber der Unterricht war anders getaggt.















