Archiv für die Kategorie „Bildung“

test So viel Aufmerksamkeit wünschte man sich häufiger. Da hocken die Schüler auf, vor , neben, hinter und… nein, unter dem Tisch dann doch nicht, glücklicherweise, und beobachten jeden Strich mit dem Rotstift. Medizin-Klausur: Herz, Kreislauf und Gefäße. Just geschrieben, die Meute Klasse wollte Ergebnisse. Nach dieser Woche endet der Schublock. Also irgendwie nachvollziehbar, der Wunsch. Eigentlich hatte die Lerngruppe einen Arbeitsauftrag mit Recherche am PC, der aber nach der traumatischen Klausur weitgehend ignoriert wurde. Und so hingen sie da, schnabbelnd und fragend und beobachtend. Wollten wissen, was sie denn nun haben, wieso ich denn nun gerade diese Klausur korrigiere und nicht ihre, ob bei Frage 6 diese Antwort richtig gewesen wäre oder doch die andere.

Ich weiß nicht, ob Sie jemals in den zweifelhaften Genuss einer Klausurkorrektur gekommen sind. Daheim ziehe ich mich zurück, bei schönem Wetter auf den Balkon ins Gemüse, bei schlechtem Wetter auch schon mal auf’s Gästeklo, wenn es der einzig verbliebene ruhige Ort ist. Was man am wenigsten gebrauchen kann, während man sich auf die Ergüsse der Lernenden einlassen will, ist Unruhe, aber erklären Sie das mal einer Gruppe Heranwachsender. Der Spaß endet, wenn sich Hinterteile auf den Klausuren breitmachen oder die Wurststulle ins Spiel kommt.

Ich habe die Durchsicht dann doch auf heute abend verschoben, sonst entgehen mir die Feinheiten. Derer gab es einige. So weiß ich beispielsweise, dass Haut “trocken verfärbt” sein kann, kenne vermutlich alle Schreibweisen des Wortes “peripher” (perifer, perifell, periphär…) und musste erfahren, dass Hypertonie ein Symptom der Herzinsuffizienz ist und keine Ursache. Ich lernte, dass es “aterrielle Beinvenenthrombosen” gibt und dass bei arteriellen Verschlüssen das Bein “stark warm, blass und kalt” wird.

Und nun bin ich bereit zu einem neuen “Teacher’s Adventure” in meiner Berufsschule irgendwo am Rapsfeld zwischen der Ostsee und dem Harz.

Hamburg steht vor einer gewaltigen Umstrukturierung. Die Schulen sollen neu aufgestellt werden. Eine der — aus meiner Sicht — guten Ideen. Warum ein Versuch, es anders als bisher zu machen, durchaus sinnig ist, erklärt Ihnen Christa Goetsch, Hamburger Senatorin für Schule und Berufsbildung.

Ich studiere seit… ach, lassen wir das, kleinere Verzögerungen sind begründbar, schließlich arbeite ich als Dozent an einer berufsbildenden Schule und habe Kinder… wo war ich? Ach ja, genau, ich studiere Lehramt für gymnasiale Oberstufe an berufsbildenden Schulen, Fachrichtung Gesundheit, und habe mir über die Jahre des Theoretisierens und Praktizierens so meine Gedanken gemacht zu diesem Thema.

Kürzlich fand ich in meinen Unterlagen einen Zettel, auf dem ich vor ungefähr drei Jahren meine Gedanken niedergeschrieben habe. Man soll Dinge ab und an im Herzen bewegen, reflektieren und neu bewerten. Das habe ich getan, aber es ändert nicht viel an meiner Meinung. Höchstens, dass es eher drei Minuten vor Zwölf ist, wenn es um die Umsetzung geht. Die Zeit drängt — wir verschenken verschleudern Potentiale.

Hier also die Gedanken, die ich vor Jahren aufgeschrieben habe. (Ich erinnere auch noch genau den Ort: Ein Seminarraum im womöglich hässlichsten Gebäude der Universität Hamburg, in welchem die Berufspädagogen untergebracht sind — ein schmuckloser Funktionalbau, unzureichend ausgestattet, und doch an diesem Tag der lebendigste, inspirierendste Ort des Planeten — weil Wolfgang Bürger, der “Brandredner” unter den Pädagogen, das Seminar leitete.)

1. Gedanke: Bildung darf nicht von der sozialen und/oder ethnischen Herkunft abhängen!
Daran sollte es keinen Zweifel geben. In Deutschland ist der Transfer von “unten” nach “oben” immer noch ein Problem. Sprachbarrieren stehen einer wirklichen Integration entgegen. Nur wer sich sicher auf dem Terrain der Muttersprache bewegt, hat die Chance, eine Zweitsprache (in diesem Fall unsere Landessprache Deutsch als gemeinsame Grundlage) zu lernen. Der Migrationshintergrund darf nicht wie ein Stigma ausgeblendet, sondern sollte integriert werden, am besten schon in der frühkindlichen Bildung. Gerade dieses Zeitfenster, in dem Kinder besonders neugierig und aufnahmefähig sind, bietet unglaublich viel Potential. Ein verpflichtendes vorschulisches Kindergartenjahr, idealerweise kostenfrei, mit einer Einbeziehung der verschiedenen Kulturen, aber auch einer sprachlichen Förderung, ist m.E. dafür unabdingbar.
Deutsch als Zweitsprache erfordert aber eine grundsätzlich andere Herangehensweise, auch von Seiten der Schule. Es muss Orte geben, an denen Deutsch geübt, gesprochen, gelebt werden kann. Schon deshalb bin ich für die Einführung von Ganztagsschulen, die auch die Chance bieten, möglicherweise vorhandene Defizite in den Familien aufzufangen — und dabei schließe ich deutsche wie Migranten-Familien ein.

Und eines ist unabdingbar: Wir sind ein Einwanderungsland mit verschiedenen ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Hintergründen. Das so einzugestehen, ist wichtig für integrative Prozesse.

2. Gedanke: Aufhebung der verschiedenen Schulformen, stattdessen gemeinsamer Unterricht bis zur 10. Klasse!

Mein Sohn ist an einer Modell-Grundschule. Dort werden Vorschüler, Erst- und Zweitklässler sowie Dritt- und Viertklässler gemeinsam unterrichtet. Soziale Kompetenzen, gegenseitige Unterstützung bei der Wissenskonstruktion und Übernahme von Verantwortung dem anderen gegenüber sind da Teil der Lernkultur. Es funktioniert hervorragend. Die Abgänger mit einer anderen Muttersprache als der deutschen schneiden überdurchschnittlich gut ab, wenn es um die Beherrschung der deutschen Zweitsprache geht. Kinder lernen gemeinsam, mit- und voneinander. Die Primarschule, die ab 2010 in Hamburg eingeführt wird, ermöglicht immerhin das gemeinsame Lernen bis zur 6. Klasse. IMHO ein Schritt in die richtige Richtung.

3. Gedanke: Unterricht muss sich am Erwerb von Kompetenzen orientieren!

Fach-, Personal-, Sozial und Methodenkompetenz — so lernen wir es im Studium. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer, die sich mit Lerntechniken, Medien, Gestaltung u.ä. beschäftigen. Die Vermittlung dieser Kompetenzen muss im Mittelpunkt von schulischem Lernen stehen. Kinder von heute sind Erwachsene von morgen. Viele Betriebe bemängeln die fehlenden Kompetenzen von Schulabgängern. Wir können und dürfen uns dieses Heer von teilweise unzureichend gerüsteten Menschen nicht mehr leisten!
Ich weiß, dass dieses Wort auch einen negativen Beigeschmack haben kann, aber: Das Humankapital ist das wichtigste, was wir haben.

4. Gedanke: Individualisierter Unterricht, der jeden dort abholt, wo er steht!

Unterricht, der alle Schüler mit einem Maß misst, undifferenziert und ohne Berücksichtigung von individuellen Lernzielen, kann niemanden ins Boot holen. Auf diese Art treiben einige immer nebenher, bestenfalls, oder sie driften ab und sind außer Reichweite, schlimmstenfalls. Die hohe Zahl an Schulabbrechern ohne Schulabschluss ist eine Folge. Man kann eine Schulbiografie hinlegen, welche der allgemeinen Schulpflicht genügt, rein von der Anzahl der Beschulungsjahre her, ohne dass nennenswerte Erfolge zu verzeichnen wären. Im Prinzip ist das asozial. Wir müssen hinsehen, Stärken entdecken und fördern, an Schwächen arbeiten, und den Spaß am Lernen wecken. Das geht nicht mit abgespultem Lehrstoff, der nur die curricularen Vorgaben im Blick hat. Schule muss Schülern vermitteln, dass sie ernst genommen, wahrgenommen werden. (Meine Schüler z.B. haben meine Privatnummern, mein ICQ und die Email-Adresse. Um es klar zu sagen: Nein, sie mißbrauchen sie nicht, obwohl viele Freunde diese Bedenken hatten, aber für den Fall der Fälle haben sie einen Ansprechpartner.)
Niemand kann garnichts! Keiner ist nutzlos. Man muss nur die Kreativität wachrütteln. Dafür sind auch mal ungewöhnliche Methoden nötig.
Wir haben jedoch zu viele, die Hass auf Schule haben, die Lernen zum Kotzen finden und Lehrer als Feinde ansehen. Selbst an der Grundschule meines Sohnes steht es bereits gesprüht: “Diese Schule ist scheisse“.

5. Gedanke: Mehr Einsatz von Sinnen!

Wir sind von Sinnen, wenn wir nicht das lernfördernde Potetial von Sinnen beim Schopfe packen. “Das habe ich jetzt nicht begriffen!” Be-griffen im wahrsten Wortsinn. Riechen, fühlen, sehen, schmecken, erleben — so klappt’s auch mit dem Lernen!

6. Gedanke: Wir gehen zu früh zu selektiv vor!

Bei vielen Kindern hat sich bis zum Ende des 4. Schuljahres noch keine ausreichende Tendenz zu einer der Schulformen ausgebildet. Sie dann schon in Schubladen zu sortieren, ergibt oft (zugegeben: nicht immer) wenig Sinn. Kurz nach meiner eigenen Grundschulzeit kam die Einführung der Orientierungsstufe — offenbar hatte man erkannt, dass beim Wechsel in die 5. Klasse oft keine Aussage hinsichtlich der Eignung getroffen werden kann. Aber warum muss man dafür funktionierende Lerngruppen zerschlagen? Dann sollen sie doch lieber sechs Jahre gemeinsam lernen. Oder noch besser: 10. (Siehe 2. Gedanke.)

7. Gedanke: Weg mit dem Unterricht, der streng nach Fächern trennt. Lieber fachübergreifend und mit echten Problemstellungen unterrichten!

Erklärt sich weitgehend von selbst, oder? Fallbeispiele aus der Lebenswirklichkeit erfordern zur Lösung verschiedene Inhalte aus verschiedenen Fächern. Dafür hatten wir früher in Mathe die sogenannten Textaufgaben. (“Wenn drei Bauarbeiter an einer Baustelle 6 Tage arbeiten, wie lange arbeiten dann 17 Bauarbeiter an derselben Baustelle?”) Allerdings erforderten die Antworten meines Erachtens zu wenig fachübergreifende Inhalte. Mal ehrlich: Kaufen Sie ein und verlassen sich alleine auf Ihre Rechenkünste? Schon an so einem lebensnahen Beispiel kann sehr viel fest gemacht werden: Gesunde Ernährung, Lesen, Planungsprozesse, Schreiben, Kalkulation…

8. Gedanke: Abschaffung von rein auf Noten basierenden Zeugnissen, stattdessen Einführung von Lernentwicklungsberichten!

Ich habe mal in einer Seminararbeit geschrieben, zugegeben etwas kätzerisch, Noten seien in wenigen Minuten vergeben. Das wurde mir angekreidet damals, und aus der Erfahrung in mehreren Berufsschulen weiß ich, dass es auch nicht stimmt. Und doch: Eine Note sagt nicht viel aus. Wann immer ich Noten vergebe, sei es zum Ende der Probezeit, vor Konferenzen oder im Examen, bitten die meisten Schüler um ein Gespräch, um die Gründe zu erfahren. Sie möchten ihre Stärken, aber auch auch ihre Schwächen erfahren. Wo müssen sie ansetzen, um etwas zu verändern? Welche individuellen Stärken können sie fördern? Ein Bericht macht u.U. etwas mehr Arbeit, aber er ist aussagekräftiger.

9. Gedanke: Eigenes Denken und Meinungen fördern!

Schule bedeutet nicht, etwas auswendig zu lernen und pure Fakten abzuspeichern. Lernen bedeutet nicht, für eine gute Note alles in das Kurzzeitgedächtnis zu speichern, es auf den Punkt abzurufen — und dann wieder zu vergessen. Lernen muss nachhaltig sein, sinnhaft und gerichtet. Das Warum muss vermittelt werden — wozu brauche ich das? Wenn ich zurückdenke, an meinen Geschichtsunterricht zum Beispiel… ohje… niemand hat anfänglich gefragt, warum die Beschäftigung mit der Vergangenheit für das Hier und Jetzt und die Zukunft von Bedeutung ist. Es wurden Jahreszahlen abgefragt, und wenn auch nur das exakte Datum minimal falsch war, wurde es falsch gewertet. Dabei kann der Blick zurück die Augen für aktuelle Probleme öffnen, wenn er mit Nachdenken, Reflektieren und Bewerten gefüllt wird. Nicht nachkauen, heißt die Devise, sondern überlegen und Standpunkte beziehen. Das macht die Schule meines Sohnes übrigens schon jetzt ganz vorzüglich — und er ist erst in der 1. Klasse!
Verknüpfendes Lernen mit Blicken weit über den Tellerrand hinaus, Förderung der kognitiven Fähigkeiten und das Einfordern von Meinungen, auch wenn sie vielleicht mal unbequem sind — all das bringt Menschen voran.

10. Gedanke: Lernen kann und soll Spaß machen!

Wohin geht der Trend? Hin zum lebenslangen Lernen. Aus verschiedenen Gründen ist es wichtig, sich nicht ab einem bestimmten Punkt auf den Lorbeeren auszuruhen, die Hände in den Schoß zu legen und auf die Rente zu warten (die ja im Übrigen sicher ist!). Neuverdrahtung des Gehirns ist in jedem Lebensalter möglich, und es ist nötig. Wer mit Bauchschmerzen und Ablehnung lernt, der kommt nicht weit. Neugierde, Kreativität, Lust am Lernen zu fördern ist die Aufgabe schlechthin im Bildungssystem. Wenn Sie schon mal eine Fortbildung oder ein Seminar besucht haben, die bzw. das in etwa so auf- und anregend war wie eine Altpapierabholung, dann wissen Sie vermutlich, was ich meine. Oder war der Lernerfolg entsprechend?

ickeManchmal muss man sich sogar eine Tüte auf den Kopf setzen, um Menschen zu erreichen — nach den Lachsalven folgte eine der erfolgreichsten, schönsten Unterrichtsstunden der letzten Zeit. Was tut man nicht alles, um die Lerngruppe bei Laune zu halten…

In diesem Sinne…

mein Flickr

By Erik Rasmussen
Translator
German flagItalian flagPortuguese flagEnglish flagFrench flagSpanish flagDutch flagDanish flagFinnish flag
Polish flagSwedish flagNorwegian flagGalician flag     
By N2H